MANNHEIMER MORGEN / 07.10.2004
INTERVIEW MIT SCHILLER-KOPF CHRISTOPHER VON DEYLEN,
DER AUF SEINER ERSTEN TOUR AM 17. NOVEMBER 2004 IN MANNHEIM SPIELT.
ein alchimist? es scheint so. der kopf von schiller, christopher von deylen, 33, hat offensichtlich die geheime formel gefunden, die den erfolg garantiert. von schillers traummischung aus trance, techno und pop verkauften sich bislang 300 000 einheiten. alle drei alben "zeitgeist", "weltreise" und "leben" wurden hits, die singles sowieso. schiller entstand 1999 als projekt des musikers von deylen mit dem hamburger dj mirko von schlieffen. von der reinen clubmusik ("glockenspiel") ging es rapide in die charts. charakteristisch für schiller sind sphärische soundflächen, opulente, ausgefeilte arrangements und wechselnde gastsänger, die helfen, den charakter der unterschiedlichen stücke noch mehr heraus zu arbeiten. die stimme von peter heppner (wolfsheim) scheint besonders gut zu schiller zu passen, zu hören auf den songs "dream of you" und "leben. . . i feel you". heppner wird schiller auch auf der tour begleiten. als weitere gäste an den mikros sind mila mar oder culture-beat-stimme kim sanders gebucht. am 17. november kommt das "audiovisuelle, multisensuelle happening" (von deylen), im mannheimer rosengarten (musensaal) auf die bühne.
außer schiller hat kaum noch jemand mit elektronischer musik erfolg. wie können sie sich das erklären?
christopher von deylen: vielleicht weil es nur auf die musik ankommt. es gibt einen speziellen schillersound: "leben" ist trotz heppner keine kopie von "weltreise" geworden, und die nächste platte wird keine kopie von "leben" sein. die weiterentwicklung ist für mich sehr wichtig, und das scheint auch dem zuhörer sehr zu gefallen.
wie ist es zum namen gekommen?
von deylen: die allererste single, 1997, hieß "das glockenspiel" - da gab es aber noch keinen künstlernamen.
warum nicht "schillers glocke"?
von deylen: genau diese assoziation bot den roten faden für das musikalische schaffen. soll heißen: schiller-musik ist musikalische lyrik. nicht im sinne von vertonten gedichten, sondern einfach eine leicht melancholische, verträumte vertonung des lebens. im grunde genommen handelt es sich um den zur musik gewordenen schiller...
ist das nicht ziemlich nah am olymp gebaut?
von deylen: ja, aber das hat folgenden grund: in der schule wird einem erfolgreich eine berührungsangst vor künstlern anerzogen. ich finde die engländer und ihren unkomplizierten umgang mit shakespeare beispielhaft, dort ist shakespeare eher wie ein popstar. schiller soll keine anmaßung sein, sondern eine moderne verbeugung.
das projekt schiller bewegt sich zwischen songs und tracks. wo liegt die ursache für diese freiheit?
von deylen: ich bin ein kind der provinz der 80er jahre und habe mich nie über musikalische cliquenbildung definiert. musik war für mich kein dogma - ich habe keine neue deutsche welle gehört, bloß weil es grade cool war, sondern alles. meine ersten acht platten waren von tangerine dream und jean michel jarre.
das bemerken die kritiker auch. stören sie die vergleiche nicht?
von deylen: nein, das freut mich ungemein. über die mailadresse auf www.schillermusik.de bekomme ich dutzende von briefen, die alle so anfangen: "hallo, ich bin zwar schon 39 . . ." und jeder äußert seine musikvorlieben, und die sind fast immer tangerine dream und pink floyd. also musikalische filme für den kopf.
à la chill-out?
von deylen: ja, aber ich würde lieber die etikette elektronische musik mit seele verwenden.
"in den tränen suchen wir beweise unserer sehnsucht", heißt es in einem lied. sollen die leute bei schiller weinen?
von deylen: sollen sie. bitte! schiller kann und soll ruhig den soundtrack zum melancholisch-sein geben. vielleicht erklärt das den erfolg von schiller ein bisschen. eine art antithese zur allgegenwärtigen fröhlichkeit.
sind sie perfektionist?
von deylen: das ist leider wahr. eine albumproduktion ist ein quälender prozess und jedes mal danach ist man leer - und deswegen tue ich mich auch schwer, zu einem ende zu kommen. jedes lied fange ich mit der maßgabe an, dass alles, was ich bisher gemacht habe, totaler dreck ist, und dass ich es jetzt richtig mache. ohne deadline würde ich wohl nie fertig.
aber anfangen tun sie gerne, oder?
von deylen: anfangen ist schön, ich muss nur aufpassen, dass ich nicht zu viel anfange. bei der tour haben wir vier große led-bildschirme, und wir haben selber die animation gemacht. das ganze konzert über laufen verschiedenste bilder, farben, formen. irgendwann merkte ich: "okay, das ist echt viel arbeit."
wie würden sie ihre aufgabe bei schiller beschreiben?
von deylen: ich bin wie ein hotelier, der ein kleines überschaubares haus bewirtschaftet, ab und zu gäste einlädt und bei dem sich auch mal ein gast verirren kann oder um asyl bittet (lacht).
ab und zu klopft jemand wie heppner an. hotel schiller, zimmer frei?
von deylen: ja.
passiert es häufig, dass schiller mit heppner verwechselt wird?
von deylen: das weiß ich, ehrlich gesagt, nicht. seit 1997 gab es acht oder neun schiller-singles, und bei zwei hat heppner mitgesungen. und es ist nicht so, dass die anderen singles weniger erfolgreich waren. natürlich hat peter heppner eine extrem markante stimme, das ist klar. leute die vielleicht nur radio hören, haben vielleicht probleme zwischen wolfsheim, paul van dyk, joachim witt und schiller durchzublicken.
warum kommen sie erst jetzt auf tour?
von deylen: schuld hat eigentlich der sender arte. die hatten mich gefragt, ob ich "weltreise" für die sendung "music planet" in kleiner besetzung aufführen möchte. zuerst war ich skeptisch, aber ich habe es gewagt und hatte enormen spaß. danach war klar, dass das ziel irgendwann eine tour sein muss. aber wenn, dann auch richtig.
das alte lied vom perfektionismus?
von deylen: ja, ich wollte abwarten bis konzept, bühnendesign und terminplan so perfekt sind, dass ich das, was ich auf platte musikalisch verspreche, auch live einlösen kann. dass es eben keine playback- oder dj-show mit tanzperformance wird, sondern was anständiges. und gut' ding will weile haben. darum hat es drei alben bis zur tour gedauert.
was kommt danach?
von deylen: für 2005 plane ich das projekt "schiller trifft schiller", denn 2005 jährt sich der todestag des dichters zum 250. mal. pascal cames
© mannheimer morgen - 07.10.2004
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